Heiko Maas in Nantes

Wir Deutschen haben mit großem Interesse verfolgt, wie die französische Regierung vor einigen Monaten ihren „grand débat national“ organisiert hat. Ich glaube, dass wir in Deutschland auch einiges davon lernen können.

 

Rede des Bundesministers des Auswärtigen, Heiko Maas,

beim Think Tank „Progressistes bretons“ am 1. Dezember 2019 in Nantes:

Vielen Dank für den sehr freundlichen Empfang! Jean-Yves Le Drian hat ja darauf hingewiesen, dass ich
tatsächlich schon zum dritten Mal hier bei Ihnen in der Bretagne bin, das letzte Mal bei einem Fußballspiel.
Es ist Ausdruck der bretonischen Gastfreundschaft, dass Jean-Yves nicht das Ergebnis dieses Fußballspiels
erwähnt hat, denn es war bei der Frauenfußball-WM und die deutsche Mannschaft schied gegen Schweden in Rennes
aus. Deshalb bin ich absolut sicher, dass mir mein heutiger Besuch in deutlich besserer Erinnerung bleiben
wird.

Jean-Yves hat mich vor einigen Wochen gefragt hat, ob ich heute Morgen hierher kommen würde und ich habe
nicht lange gezögert. Das hat unterschiedliche Gründe.

Der ersteist: Wenn man von einem Freund nach Hause eingeladen wird, dann sagt man nicht Nein. Ich kann Ihnen
versichern, ich bin mit dem Prädikat „Freundschaft“ wirklich geizig im Zeitalter von Facebook, wo Menschen
Freunde einfach anklicken können. Vielleicht bin ich da ganz konservativ, aber ich glaube tatsächlich an die
wahre Freundschaft, die beruht auf Vertrauen und Verlässlichkeit. Insofern ist Jean-Yves mein bretonischer
Freund und deshalb kam es nicht in Frage, seine Einladung heute Morgen hierher abzulehnen.

Jean-Yves hat darüber berichtet, dass wir mit dem Vertrauen, das uns verbindet, auch versuchen, das
deutsch-französische Verhältnis und die deutsch-französische Zusammenarbeit permanent weiterzuentwickeln. Wir
sitzen auf internationalen Konferenzen oft nebeneinander – „France“ und „Germany“ kommen im englischen
Alphabet ja auch fast nacheinander. Mir gefällt dieses Bild sehr, dass Deutschland und Frankreich auf der
internationalen Bühne Schulter an Schulter zusammensitzen. Wir sitzen nicht nur zusammen, sondern das, was
wir dort sagen, ist getragen von großem Vertrauen, dem Bedürfnis nach enger Zusammenarbeit und danach, die
Entwicklungen auf der Welt beeinflussen zu können. Ich glaube, dass wir das zusammen deutlich besser können
als jeder für sich.

Der zweiteGrund, weshalb ich heute gerne hierhergekommen bin, das sind mein Interesse und auch meine
Sympathie für das, was Sie hier tun. Ich glaube, dass Sie mit dem Breizh Lab einen Nerv getroffen haben. Die
Anzahl der Bürgerinnen und Bürger, die sich an den Debatten der „großen Politik“ beteiligen, ist nicht größer
geworden ‒ das ist zumindest unsere Erfahrung in Deutschland. Ich bin der Überzeugung, das hat auch etwas
damit zu tun, dass wir in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung leben, in der es immer nur schwarz und weiß
gibt, im Übrigen auch noch dramatisiert durch die Funktionsweise sozialer Netzwerke. In solchen Zeiten wird
Austausch immer wichtiger, im Übrigen auch über Parteigrenzen hinweg.

Wir Deutschen haben mit großem Interesse verfolgt, wie die französische Regierung vor einigen Monaten ihren
2grand débat national“ organisiert hat. Ich glaube, dass wir in Deutschland auch einiges davon lernen können.

Der dritteGrund, weshalb ich in diesem Jahr schon zum dritten Mal in der Bretagne bin, ist ganz einfach: Für
einen Außenminister ist es ein echtes Privileg, ein Land – und gerade Frankreich, das ich so oft besuche –
auch einmal abseits der Hauptstadt und abseits der Regierungsgebäude zu erleben und kennenzulernen.

Auf dem Flug hierher habe ich gelesen, dass hier in der Bretagne die zufriedensten Franzosen leben. 75
Prozent der Bretonen sagen das laut einer aktuellen Studie des Institut Montaigne. Ich finde ehrlich gesagt,
das muss ja irgendeinen Grund haben. Ich würde gerne wissen, warum das so ist, und vielleicht auch etwas
mitnehmen davon zurück nach Deutschland. Denn egal, wie gut es ihnen geht, die Deutschen sind, wenn es um
ihre Zufriedenheit geht, vielleicht noch etwas entwicklungsbedürftig.

75 Prozent Zufriedenheit sind für deutsche Verhältnisse ein fast unvorstellbarer Wert. Deshalb hoffe ich,
bei diesem Besuch hier, nicht nur mit Ihnen über Europa und die deutsch-französische Freundschaft zu reden,
sondern dem bretonischen Glückskonzept auch etwas näher zu kommen.

Ich meine das durchaus ernst. Denn zufrieden zu sein mit den eigenen Lebensumständen, das ist vor allen
Dingen eines: die beste Immunisierung gegen die Propaganda und die Halbwahrheiten, mit denen die Populisten
und Nationalisten unsere Länder gerade jetzt vergiften.

Wir erleben diese Angriffe sowohl in Deutschland als auch in Frankreich gleichermaßen. In Deutschland ist
mit der AfD eine rechtsnationalistische Partei mittlerweile die größte Oppositionspartei im Deutschen
Bundestag. Vor einigen Jahren in Deutschland völlig unvorstellbar. In Frankreich kennen Sie dieses Phänomen
ja schon etwas länger. Auch die immer radikaleren Bewegungen auf unseren Straßen und die Gewalt gegen
Ausländer, Juden und Muslime, die wir in Deutschland erleben, zeigen, wie viel Wut und Ressentiments in
Teilen unserer Gesellschaften stecken, die sich sehr schnell und einfach auf Minderheiten fokussieren lassen.
Das ist etwas, dem wir nicht tatenlos zuschauen dürfen.

Bei aller Sorge, die uns das bereitet, dürfen wir eines nicht vergessen, und das ist ein Punkt, der mir ganz
besonders wichtig ist und den ich daher auch in der deutschen Diskussion immer wieder versuche stark zu
machen: Die, die da schreien und hetzen, die sind zwar laut, aber sie sind eine Minderheit. Und wir dürfen
uns von dieser radikalen Minderheit nicht länger die Themen auf unseren politischen Agenden diktieren lassen.

In Deutschland ist in der letzten Zeit praktisch nur über ein Thema heftig diskutiert worden, nämlich Flucht
und Migration. Natürlich war und bleibt das eine zentrale Herausforderung für unser Land und natürlich auch
für ein vereintes Europa. Aber was gibt es eigentlich noch, was die Lebenswelt der Menschen im Moment
verändert und wo Sorgen entstehen? Bei der Digitalisierung, aufgrund der wachsenden Kluft zwischen Stadt und
Land, der Sorge um bezahlbaren Wohnraum, der Arbeitslosigkeit oder Altersarmut?

All diese Themen sind bei uns in der deutschen Debatte in der letzten Zeit etwas zu kurz gekommen. Sie sind
auch etwas zu kurz gekommen im öffentlichen Diskurs in Europa. Der Grund ist, dass die Radikalen viel zu sehr
die Agenda bestimmt haben. Ihnen gelingt das immer dann, wenn die Mehrheit schweigend mitgespielt hat.

Als deutscher Außenminister werde ich im Ausland oft gefragt: „Was ist denn bei euch los?“, wenn in Chemnitz
Menschen mit dem Hitlergruß über die Straße laufen, wenn in Halle von einem Rechtsextremen eine Synagoge
angegriffen wird und Menschen umgebracht werden. Dabei ist es ja nicht so, dass das in Deutschland auch nur
im Ansatz die Haltung einer Mehrheit wäre. Ganz im Gegenteil: Es ist eine kleine, aber radikale Minderheit
und diese Minderheit ist laut. Nur wir, die wir anders denken, die wir in weltoffenen Ländern leben wollen,
in denen sich Menschen mit Respekt begegnen, müssen uns eines immer deutlich machen, wenn wir uns beschweren
über die Lautstärke einer solchen Minderheit: Die Lautstärke der Minderheit wird immer reguliert durch die
Lautstärke der Mehrheit. Je lauter wir – die progressiven Kräfte – sind, desto leichter wird es, die
Größenverhältnisse in unseren Ländern wieder zurecht zu rücken und die Nationalisten und Populisten als das
zu entlarven was sie sind: Scheinriesen. Übrigens auch deshalb, weil ihre Hetze, ihre
Desinformationskampagnen gerade in den Echokammern der digitalen Welt überproportional verstärkt werden.

Wenn wir den Populisten und Nationalismen etwas entgegen setzen wollen, dann müssen wir die Deutungshoheit
zurückerlangen – zum Beispiel über Begriffe wie „Heimat“. In Deutschland haben die Rechtspopulisten dieses
Wort gekapert. Sie reduzieren es ganz bewusst auf Herkunft, Blut und Boden. Wir dürfen solche Umdeutungen
nicht zulassen, weil wir wissen, gerade wir in Deutschland, wohin das führt.

Jean-Yves hat bereits darauf hingewiesen: Ich komme aus dem Saarland. Ich bin praktisch auf der
deutsch-französischen Grenze aufgewachsen. Dieses Land hat im letzten Jahrhundert eine ganz besondere
Geschichte gehabt. Es ist nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg immer zwischen Deutschland und Frankreich
hin- und hergeschoben worden. Meine Großmutter lebte von 1902 bis 1978, sie lebte ihr ganzes Leben lang im
gleichen Ort, in der gleichen Straße und im gleichen Haus – und sie hatte in ihrem Leben fünf verschiedene
Pässe. Einmal ist das Saarland von Deutschland, dann von Frankreich verwaltet worden, dann wieder von
Deutschland. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten wir sogar einen eigenen völkerrechtlichen Status. Das habe ich
gestern Abend Jean-Yves noch einmal erzählt. Nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1955 hatten wir im Saarland eine
eigene Fußballnationalmannschaft, wir sind bei den Olympischen Spielen in Helsinki mit einer eigenen
Mannschaft einmarschiert bei der Eröffnung der Spiele. Wir waren sogar 1953 in der gleichen
Qualifikationsrunde für die Fußballweltmeisterschaft wie Deutschland. Deshalb gab es ein Hinspiel und ein
Rückspiel Deutschland gegen Saarland. Und nur, weil wir Saarländer sie im Rückspiel 3:1 haben gewinnen
lassen, hat Deutschland sich überhaupt für die Fußball-Weltmeisterschaft qualifiziert, wo sie dann
Weltmeister geworden sind.

All dies zeigt, dass Nationalitäten manchmal eine Frage von Zufälligkeiten sind. Und das, was ich daraus für
mich gelernt habe, ist, dass wir gut daran tun, insbesondere mit unseren Nachbarn, eng zusammenzuarbeiten,
darauf zu achten, was in anderen Ländern geschieht und auch deren Interessen und Werte ernst zu nehmen. Und
das vor allen Dingen als Deutsche, weil wir wissen, dass diese Grenzverschiebungen, die es in Europa gegeben
hat, immer etwas mit Krieg, Besatzung und Unterdrückung zu tun hatten. Zur Wahrheit gehört, dass in den
meisten Fällen Deutschland der Auslöser dafür gewesen ist.

Deshalb ist es wichtig, Geschichte nicht zu vergessen. Weil das Erinnern daran deutlich macht, welch großer
Schatz unser vereintes Europa ist. Auch wenn Krieg in Europa für die Menschen in unseren Ländern heute Gott
sei Dank unvorstellbar ist, so gilt dennoch: Nichts ist unumkehrbar. Es gibt keine Selbstverständlichkeiten.
Ich bin 1966 geboren, in Westdeutschland. Alles, was mein Leben gut gemacht hat, bekam ich geschenkt:
Frieden, Freiheit, Rechtsstaat, relativer Wohlstand. Andere Generationen vor uns haben das erkämpft. Sie
haben dafür teilweise mit großem Leid bezahlt. Viele haben dafür ihr Leben gegeben. Viele aus meiner
Generation halten diese Errungenschaften für Selbstverständlichkeiten, weil sie es gar nichts anders kennen.
Es gibt aber keine Selbstverständlichkeiten mehr.

Wer sich heute auf der Welt umschaut, ja, wer sich in Europa umschaut, der muss feststellen, dass Frieden,
Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit Fliehkräften von innen und von außen ausgesetzt sind. Der Brexit
bereitet uns große Probleme in Europa. Auch in Italien haben wir ja gerade erlebt, was es bedeutet, wenn
europaskeptische Populisten in einem Gründungsmitglied der EU die Macht übernehmen. Der Streit der letzten
Jahre – über die Euro-Rettung, die Finanzkrise, die Verteilung von Flüchtlingen, die Defizite bei der
Rechtsstaatlichkeit in Ländern wie Ungarn und Polen –, all das hat tiefe Gräben gerissen in der EU. Es gibt
keine Selbstverständlichkeiten mehr.

Deshalb muss unsere wichtigste Aufgabe sein – gerade für einen deutschen Politiker, für Deutschland, das so
viel Leid, so viele Gräben und so viel Teilung in Europa verursacht hat –, deshalb muss die wichtigste
Aufgabe sein, diese Gräben zu schließen, die jetzt wieder entstehen. Auch, weil wir, Deutsche und Franzosen,
wissen: Nur ein vereintes Europa hat Einfluss in der Welt.

Mit dem Élysée-Vertrag haben wir vor 55 Jahren die historische Versöhnung unserer beiden Länder besiegelt.
Die Botschaft damals war: Nein zu Krieg und Zerstörung. Ja zu Freundschaft und Europa.

Als ich in Saarbrücken angefangen habe zu studieren, gab es im Audimax eine große Eröffnungsvorlesung vor
2.000 Studenten, und der Professor hatte damals zu uns Studenten gesagt: „Ihr könnt hier studieren wie Ihr
wollt, so lange oder so schnell, aber Ihr müsst mir eines versprechen: Während der Zeit Eures Studiums müsst
Ihr einen Tag alleine von Saarbrücken nach Verdun fahren und einen Tag alleine auf den Friedhöfen von Verdun
verbringen.“ Ich habe das gemacht, und ich habe nie vergessen, was unsere Vergangenheit zwischen Deutschland
und Frankreich ausgemacht hat. Dass wir uns die meiste Zeit gegenseitig umgebracht haben. Wenn man das sieht
in Verdun, dann wird einem noch einmal sehr die Verantwortung deutlich – sowohl die der Politik, aber auch
die, die jeder Bürger, jede Bürgerin hat –, dafür zu sorgen, dass das nie wieder passiert. Und dass gerade
von unseren beiden Ländern immer neue Impulse dafür ausgehen, dass die Werte, die uns verbinden, auch die
Werte sind, die in Europa die Realität bestimmen.

Wir haben diese Botschaft Anfang des Jahres im Vertrag von Aachen auch ganz bewusst noch einmal
unterschrieben. Es ist sicherlich einer der Höhepunkte meines politischen Lebens gewesen, diesen Vertrag mit
unterzeichnen zu dürfen. Im Übrigen auch als jemand, der aus dem Saarland kommt, bei dem die Tatsache, dass
er Deutscher ist, vielleicht auch ein Zufall der Geschichte war. Wir haben damit die Weichen gestellt für ein
noch engeres Zusammenwachsen Deutschlands und Frankreichs, und zwar bei vielen Themen: Sicherheit,
Verteidigung, beim Klimaschutz, bei Digitalisierung und Innovation – bei allem, was unser Leben bestimmt und
bei allem, wo wir großen Herausforderungen entgegengehen. Wir haben unsere Partnerschaft in den Dienst eines
starken und handlungsfähigen Europas gestellt; eines Europas, das seine Bürgerinnen und Bürger schützt, wie
Präsident Macron zu Recht gefordert hat.

Ich verstehe, dass viele in Frankreich sich angesichts des Zustands der Welt ein noch energischeres Vorgehen
Europas wünschen. Wir Deutschen teilen diesen Willen zur Veränderung. Wir müssen dabei auch darauf achten,
dass wir andere mitnehmen, weil wir ansonsten riskieren, dass diese anderen auf dem Weg verloren gehen oder
sie sich möglicherweise anderen zuwenden, die die Werte, die uns verbinden, nicht teilen.

Ja, man muss Sicherheit und Verteidigung in Europa stärken. Und zwar im ureigenen Interesse, als
europäischen Beitrag zum Erhalt und zur Stärkung auch der transatlantischen Partnerschaft. Auch wir haben
teilweise Probleme mit Präsident Trump und dem, was er tut und was er sagt. Wenn Strafzölle gegen Europa
verhängt werden, ist das etwas, was wir uns in der Vergangenheit nie hätten vorstellen können. Trotzdem
glauben wir, dass die Entkopplung europäischer und amerikanischer Sicherheit geeignet wäre, Europa zu
entzweien, weil es vor allen Dingen im Mittel- und Osteuropa Länder gibt, die einen solchen Weg nicht
mitgehen würden

Und, ja, in der Europäischen Union brauchen wir auch mehr Ambition, Fortschritt und Veränderung. Die
französische Regierung ist ein wesentlicher Motor dieser Entwicklung. Es ist gut, dass jetzt endlich die neue
Kommission ins Amt kommt und sich auch ehrgeizige Ziele gesetzt hat – beim Klimaschutz, der inneren und
äußeren Sicherheit, der Digitalisierung und beim sozialen Zusammenwachsen Europas. Wir werden die Kommission
dabei mit besten Kräften unterstützen.

Wir sind auch bereit, voranzugehen, auch das ist ein wichtiges französisches Thema, wenn es um die
Gestaltung der Zukunft geht, zum Beispiel in der Verteidigungszusammenarbeit. Auch da müssen wir uns
weiterentwickeln, weil wir sehen, dass die Welt um uns herum sich verändert. Wir müssen dabei versuchen eine
Geschwindigkeit zu gehen. Es gibt in Osteuropa einige, die befürchten, dass es ein Europa erster und zweiter
Klasse geben könnte. Ich glaube, das wäre eine Einladung an die Großmächte dieser Welt, die nichts anderes
vorhaben, als Europa zu spalten um ihren eigenen Interessen einen Vorteil zu verschaffen.

Um all das zu erreichen, braucht es vor allen Dingen eines, nämlich Deutschland und Frankreich. Die Metapher
vom deutsch-französischen Motor wird so oft bemüht, weil sie einfach stimmt. Viele denken, dieser Motor laufe
nur rund, wenn wir von vornherein in allem übereinstimmen, wenn es keinerlei Reibung gibt. Dabei besteht das
Geheimnis der deutsch-französischen Freundschaft und der Zusammenarbeit gerade darin, Unterschiede
miteinander zu besprechen und sie dann zu überbrücken. Das ist immer gut gelungen.

Ja, der deutsche Föderalismus funktioniert anders als der französische Staat, ein grundlegender Unterschied
zwischen uns. Unsere Wirtschaft ist anders strukturiert. Wir haben auch andere militärische Traditionen. Auch
die politische Landschaft ist eine andere und die verändert sich zurzeit gerade sehr stark in Deutschland.

Und doch schaffen wir es immer wieder, das Gemeinsame nach vorne zu stellen. Weil wir nämlich wissen: Das
liegt im Interesse unserer Länder und es liegt im Interesse Europas. Mehr noch: Gerade weil wir oft von
unterschiedlichen Ausgangspositionen kommen, gerade weil wir anders auf manche Dinge blicken, finden wir
Lösungen, die dann auch für ganz Europa tragfähig sind. Das hat sich in der Vergangenheit immer wieder
bewahrheitet.

Das ist die wahre Stärke der deutsch-französischen Freundschaft. Deshalb mache ich mir überhaupt keine
Sorgen darüber, dass es uns nicht gelingen könnte, gemeinsame Lösungen zu erarbeiten und die Länder Europas
auf unserem Weg mitzunehmen.

Ich will nur ein Beispiel nennen: Jean-Yves und ich haben in den letzten Monaten intensiv an Vorschlägen
gearbeitet, wie wir Europa handlungsfähiger machen können, und zwar in der Außen- und Sicherheitspolitik. Wir
tauschen uns zum Beispiel dazu aus, wie ein Europäischer Sicherheitsrat aussehen kann, in dem wir unsere
außen- und sicherheitspolitische Arbeit künftig noch stärker bündeln können. Wenn diese Überlegungen noch
weiter vorangekommen sind, dann werden wir sie mit unseren Partnern in Europa besprechen. Das beschreibt die
Arbeitsweise der deutsch-französischen Zusammenarbeit. Ich weiß, dass viele in Europa darauf setzen, dass das
auch in Zukunft so bleiben wird.

Das gilt auch für andere Themen – in der Steuerpolitik, der Wirtschaftspolitik und bei der Stärkung der
Währungsunion. Das gilt vor allen Dingen auch in der Sozialpolitik. Wir sind entschlossen, ein
race-to-the-bottom bei den Sozialstandards zu verhindern, zum Beispiel über einen europäischen Mindestlohn,
der sich an der Wirtschaftskraft der Mitgliedstaaten orientiert.

Wenn wir an der Stärkung Europas arbeiten, wenn wir von einem souveränen Europa sprechen, dann haben
Jean-Yves und ich dabei vor allen Dingen eines im Kopf: die weltpolitische Zeitenwende, die wir gerade
erleben.

Die USA haben sich aus ihrer Rolle als Weltpolizist zurückgezogen, und zwar nicht erst unter Präsident
Trump, wenn wir ehrlich sind. Inzwischen kommt die regelbasierte Ordnung, also dass sich in der Welt alle an
gewisse Regeln und Gesetzmäßigkeiten, an das Völkerrecht halten, diese Ordnung, die die USA maßgeblich
mitgeschaffen haben, kommt unter Druck und bedauerlicherweise manchmal sogar aus Washington. Der Ausstieg der
USA aus dem Pariser Klimaabkommen oder aus dem Nuklearabkommen mit dem Iran sind zwei Beispiele. Auch in
Nord-Syrien haben wir in den letzten Wochen erlebt, dass die amerikanische Außenpolitik uns manchmal vor
vollendete Tatsachen stellt.

Andere Akteure werden dieses Vakuum nutzen: politisch und ökonomisch vor allen Dingen China und militärisch
allzu oft Russland. Deshalb müssen wir eng zusammenarbeiten, auch mit China und Russland – vor allen Dingen
bei der Lösung internationaler Probleme. In Syrien etwa brauchen wir Russland, um diesen Krieg endlich zu
beenden. Aber wir müssen eben sehen, dass diese Länder, dass ein Land wie China auch Wettbewerber sind, wenn
es um unsere Werte und unsere Interessen geht. Deshalb ist es dringend erforderlich, dass wir in Europa auch
in diesen strategischen Fragen mit einer Stimme sprechen. Wir werden in der zweiten Hälfte des nächsten
Jahres die EU-Ratspräsidentschaft haben, und wir werden dann einen EU-China-Gipfel ausrichten, weil wir
wollen, dass wir gegenüber solchen Ländern als Europa geschlossen auftreten. Deshalb habe ich es sehr
begrüßt, als vor einigen Monaten Präsident Macron in Paris die chinesische Führung empfangen hat und dabei
nicht allein war, sondern Jean-Claude Juncker als Kommissionspräsident und Angela Merkel mit dabei gewesen
sind. Das ist ein klares Signal, und von denen brauchen wir auch in Zukunft viele.

Letzte Woche war ich auf dem G20-Außenministertreffen in Japan. Da sitzen die Außenminister der größten
Industrieländer zusammen. Auch da ging es um internationale Zusammenarbeit, um den Multilateralismus. Alle
haben geredet und fanden den Multilateralismus ganz toll, die regelbasierte Ordnung, das humanitäre
Völkerrecht. Wenn man denen so zugehört hat, konnte man sich eigentlich nur die Augen reiben, wieso das in
der Realität dann im Moment so schwer ist. Und deshalb, glaube ich: Wir haben kein Erkenntnisproblem in der
internationalen Politik, sondern wir haben ein Umsetzungsproblem. Auch da können Deutschland und Frankreich
wichtige Impulse liefern. Wir müssen dafür sorgen, dass den großen Reden möglichst auch große Taten folgen,
denn daran fehlt es.

Das ist ja auch einer der Gründe, warum wir die Allianz für den Multilateralismus gegründet haben, die
Jean-Yves eben schon erwähnt hat. Wir sind oft gefragt worden von Journalisten: Was ist denn das? Wer kommt
denn da hin? Ist das nur so eine Idee von euch? Bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen im
September sind dann, wie Jean-Yves schon gesagt hat, über 50 Kollegen, Außenminister, unserer Einladung
gefolgt. Mittlerweile gibt es über 80 Länder, die dieser Allianz beigetreten sind. Weil sie wissen: In den
Zeiten, in denen wir leben, brauchen wir mehr internationale Zusammenarbeit und nicht weniger. Denn die
großen Herausforderungen, mit denen wir es zu tun haben – die Globalisierung, der Klimawandel, die
Digitalisierung, die Migration –, sind zwar alle sehr unterschiedlich in ihrer Komplexität, aber sie haben
alle eine Gemeinsamkeit: Keine von diesen Herausforderungen macht an irgendeiner nationalen Grenze halt.
Diese Herausforderungen kann man nur bewältigen mit internationalen Lösungen, nicht mit nationalen Lösungen
oder der Rückbesinnung auf Nationalismus, wie es uns die Nationalisten und Populisten teilweise versuchen
einzureden.

Je länger ich jetzt noch weiterrede, umso mehr schwindet meine Chance, heute noch zu erfahren, worin das
Glückskonzept der Bretonen liegt. Das würde ich schon gerne mitnehmen, wenn ich heute Nachmittag zurück nach
Deutschland fliege.

Die Studie, die das Institut Montaigne auf den Weg gebracht hat, legt nahe, dass es etwas mit Verwurzelung
zu tun hat, dieses Glückskonzept. 77 Prozent der Bretoninnen und Bretonen geben an, dass sie sich hier, in
dieser Region, verwurzelt fühlen. Weit mehr, als das irgendwo sonst in Frankreich der Fall ist. Gleichzeitig
hatte ich bei meinen drei Besuchen hier immer das Gefühl, dass diese Verwurzelung, diese Identifikation mit
ihrer Heimat gerade nicht zu Lasten der Weltoffenheit der Bretonen geht – ganz im Gegenteil!

Wenn man Ihnen also bei der Arbeit hier, beim Breizh Lab, etwas wünschen kann, dann das: Zeigen Sie Ihren
Mitbürgerinnen und Mitbürgern in Frankreich und in Europa, durch das, was Sie hier tun, dass es kein
Widerspruch ist, Bretone zu sein, Franzose, Europäer und Weltbürger. Machen Sie den Menschen deutlich, dass
Heimat und Weltoffenheit eben kein Widerspruch sind!

Europa nimmt uns keine Identität, ganz im Gegenteil: Es schenkt uns eine zusätzliche, und zwar eine
gemeinsame. Ich bin froh, diese europäische Identität mit Ihnen teilen zu dürfen, auch heute Morgen, hier in
der Bretagne.

Herzlichen Dank, ich freue mich auf die Diskussion!

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