Steinmeier zum Frauentag: Männer und Frauen sind gleichberechtigt

„Wir sehen heute auch, dass die Errungenschaften der Frauenbewegung sowieso nie selbstverständlich waren, aber auch jederzeit wieder rückgängig gemacht werden können.“

 

Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier beim Empfang für den Deutschen Frauenrat zum Internationalen Frauentag am 6. März 2020 in Berlin:

Folgende Szene, die Sie sich bitte vorstellen und die auch bei Oliver Welke eine Rolle spielen könnte: Ein schon etwas älterer weißhaariger Mann, der das höchste Staatsamt bekleidet – das einzige Amt in seinem Land, das noch nie von einer Frau ausgeübt wurde –, dieser Mann empfängt anlässlich des Internationalen Frauentages politisch engagierte Frauen in seinem Amtssitz, würdigt zur Begrüßung – eher gönnerhaft – ihre Arbeit und erklärt ihnen anschließend in einem länglichen Vortrag, was er für die Grundsätze der Gleichstellungspolitik hält.

Wenn man heute noch jemandem erklären müsste, was „Mansplaining“ eigentlich bedeutet, dann wäre diese Szene, finde ich, ein ziemlich gutes Beispiel. Und mein Job ist es jetzt, aus dieser Szene, aus diesem Film irgendwie wieder rauszukommen.

Deshalb fange ich einfach noch mal von vorn an und jetzt ganz im Ernst: Meine sehr verehrten Damen, seien Sie ganz herzlich willkommen hier in Bellevue. Meine Frau und ich, wir freuen uns, dass Sie heute Mittag bei uns sind und diesen Saal in eine Lobby der Frauen verwandelt haben. Am Sonntag ist Frauentag, und aus diesem Anlass wollen wir gleich darüber reden, wie es in unserem Land am besten zu schaffen ist, dass noch mehr Frauen in Politik, Gesellschaft und Beruf gleichberechtigt mitgestalten können.

Wir können anknüpfen an das Gespräch über die Gleichstellung von Frauen und Männern, das wir vor etwas mehr als einem Jahr hier in Bellevue geführt haben, zum hundertsten Geburtstag des Frauenwahlrechtes. Damals haben wir an die vielen mutigen Frauen erinnert, die in der Geschichte unseres Landes für ihre Rechte eingetreten sind. Nicht nur, aber natürlich auch an Elisabeth Selbert, die 1949 fast im Alleingang einen schönen, klaren Satz im Grundgesetz verankerte: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“

In der patriarchalisch geprägten Nachkriegsgesellschaft war dieser Satz ein großes Versprechen und ein noch größerer Auftrag. Von Anfang an haben Frauen in der Bundesrepublik selbstbewusst Politik gemacht und für ihre rechtliche und faktische Gleichstellung gekämpft. Frauen wie Elisabeth Schwarzhaupt, die erste Ministerin der Bundesrepublik und spätere Vorsitzende des Deutschen Frauenrates.

Viele von Ihnen kennen ihre Geschichte: Als 1961 durchsickert, dass auch das vierte Kabinett Adenauer ein reiner Männerklub bleiben soll, machen sich die Bundestagsabgeordneten Aenne Brauksiepe, Elisabeth Pitz-Savelsberg, Helene Weber und Margot Kalinke ins Palais Schaumburg auf, um den Kanzler zur Rede zu stellen. Man versucht sie abzuwimmeln, aber die vier Frauen besorgen sich Stühle und Verpflegung, bleiben einfach sitzen und setzen sich durch: Adenauer schafft für Elisabeth Schwarzhaupt das Gesundheitsressort.

Was die erste Bundesministerin im neuen Amt leistet, etwa für den Umwelt- und Verbraucherschutz, war aus heutiger Sicht wegweisend. Weniger wegweisend war dagegen der Kommentar, den der Spiegel kurz nach ihrer Vereidigung veröffentlichte – ausgerechnet der Spiegel: „Angesichts der Überflüssigkeit ihres Ressorts“, so hieß es in dem Artikel, „zweifelt in Bonn niemand an der Qualifikation des Fräulein Schwarzhaupt […]. Mit der Verlegenheitsbehörde zur Befriedigung der Frauenwünsche hat sich die Zahl der unnützen Bonner Ministerien auf vier erhöht.“

Geschichten wie diese führen uns vor Augen, wie groß die Leistung der Frauen war, die sich damals einen Platz in der Politik und im öffentlichen Leben eroberten; die andere ermutigten und ihnen Wege bahnten; die begonnen haben, die politische Kultur in unserem Land von patriarchalischen Mustern zu befreien. Geschichten wie diese machen uns heute bewusst, wie stark Frauen unsere Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben.

Und das gilt längst nicht nur in unserem eigenen Land. Ich war letzte Woche im Sudan, einem Land, das sich erst vor wenigen Monaten von einer dreißig Jahre lang dauernden Diktatur befreit hat. Und es sind eben auch dort vor allem die jungen Frauen, die auf die Straße gegangen sind, für ihre Rechte gekämpft haben, ihre Rechte den autokratischen Machthabern abgetrotzt haben und die sich jetzt einsetzen für eine demokratische Gesellschaft, an der Männer und Frauen gleichermaßen teilhaben.

Hier in unserem Land war und ist der Deutsche Frauenrat ein wichtiger Schrittmacher der Gleichberechtigung. Unter seinem Dach haben sich ganz unterschiedliche Frauen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, aus Ost und West immer wieder auf gemeinsame Forderungen geeinigt und gemeinsam für diese Forderungen gekämpft – in Bonn und Berlin, in der Europäischen Union, in den Vereinten Nationen. Ob es um gleiche Chancen geht, um gleiche Bezahlung oder die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen: Ihr Verband hat nicht nur die politische Tagesordnung bereichert, sondern er hat gesellschaftliches Bewusstsein geschaffen für Benachteiligung und Diskriminierung, die es nach wie vor gibt.

Ich danke Ihnen allen für Ihren großen Einsatz, den viele von Ihnen ehrenamtlich leisten. Sie alle engagieren sich für die Sache der Frauen, und Sie engagieren sich damit zugleich für die Sache der Demokratie. Denn die Demokratie wird ihren eigenen Idealen von Freiheit und Gleichheit nur dann gerecht, wenn Frauen und Männer gleichermaßen an ihr beteiligt sind, wenn Bürger und Bürgerinnen sie in allen Lebensbereichen und auf allen Ebenen tatsächlich mitgestalten. Ihr Engagement, verehrte Frauen, stärkt unsere Demokratie, und diese Stärkung braucht sie heute nötiger denn je. Meinen herzlichen Dank gilt Ihrem Mut, Ihrer Leidenschaft und vor allen Dingen Ihrer Beharrlichkeit.

Sie alle haben viel bewegt und viel erreicht. Aber wir wissen auch: Mehr als siebzig Jahre nach der Verabschiedung des Grundgesetzes ist der große Auftrag der Gleichberechtigung noch lange nicht erfüllt. Noch immer werden Frauen bei der Besetzung von Führungspositionen übergangen; noch immer halten Frauen deutlich weniger Reden im Deutschen Bundestag als Männer; noch immer ist es für viele schwierig, Beruf und Familie zu vereinbaren. Und zu den alten Problemen kommen neue hinzu, etwa die Benachteiligung von Frauen in der digitalen Arbeitswelt.

Wir sehen heute auch, dass die Errungenschaften der Frauenbewegung sowieso nie selbstverständlich waren, aber auch jederzeit wieder rückgängig gemacht werden können. Wir erleben eine weltweite Faszination des Autoritären, die wieder erstarkende Sehnsucht nach „starken Männern“, einen Rückfall in alte Rollenmuster. Wir erleben, wie mancherorts Politiker mit ihrem Sexismus prahlen und gleichwohl in höchste Staatsämter gewählt werden; wie auch bei uns in Deutschland der Frauenanteil in manchen Parlamenten eher wieder sinkt; wie auch im Internet Frauenhass und antifeministische Hetze um sich greifen.

Das alles ist Anlass zur Sorge. Aber wir dürfen nicht zulassen, dass Frauen sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen oder sich gar nicht erst hineinwagen, weil sie belästigt, beschimpft, bedroht oder gar angegriffen werden. Es ist die Aufgabe von Politik, Polizei und Justiz, Frauen zu schützen. Und es ist zugleich unsere gemeinsame Aufgabe: Wir alle, Frauen und Männer, dürfen nicht wegschauen oder weghören, wir müssen laut und deutlich widersprechen, wann und wo auch immer Sexismus gegen Frauen sich im Alltag breit macht.

Frauenrechte, davon bin ich überzeugt, sind nicht Sache von Frauen allein. Sie sind unsere gemeinsame Sache, die Sache von Demokratinnen und Demokraten. Wer als Mann auch mal die Perspektive der Frauen einnimmt, der kann Frauen unterstützen, ohne in paternalistische Gesten zu verfallen. Und der kann mithelfen, gläserne Decken zu sprengen, weil er weiß: Am Ende gewinnen dadurch alle.

Ich jedenfalls wünsche dem Deutschen Frauenrat weiterhin viel Erfolg für seine Arbeit. Und, Frau Küppers, wir freuen uns jetzt zunächst auf Ihre Worte, bevor wir dann im Saal und an den Tischen weiter miteinander ins Gespräch kommen.

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